Krypto-Mythbusters — Ist das Bitcoin Netzwerk wirklich eine Umweltkatastrophe?

(Quelle: Dan Meyers auf Unsplash )

Unlängst attestierten Analysten der Citibank Bitcoin gute Chancen, zur “Währung des Welthandels” aufzusteigen. Doch im Februar heizten Kommentare der neuen US-Finanzministerin Janet Yellen eine Debatte neu an, die immer Wieder zur Sprache kommt, wenn es um die Zukunftsfähigkeit der Kryptowährung geht: Bitcoin sei ein Ressourcenfresser und verglichen mit zentralisierten Zahlungssystemen hochgradig ineffizient. Journalisten wie der Meteorologe Eric Holthaus prognostizieren erschreckende Energieverbrauchswerte, sollte Bitcoin je global führend werden. Was ist dran an diesen Behauptungen?

Unersättlicher Hunger nach Strom?

Die Furcht vor dem stromfressenden Monster Bitcoin ist alles andere als neu. Vielmehr werden die Unkenrufe über den Energieverbrauch der Miner immer wieder laut, wenn die Kryptowährung Preis- oder anderweitig bedingt Aufmerksamkeit im Nachrichtenzyklus erhält. So titelte zum Beispiel Newsweek prominent auf dem Höhepunkt des damaligen Bullenmarkts am 11. Dezember 2017, Bitcoin sei “auf dem Weg, die gesamte Energie der Welt bis 2020 aufzubrauchen”. “Solch eine Prognose ist vollkommen hypothetisch”, hieß es weiter in dem Artikel, “und um sie wahr werden zu lassen, müsste Bitcoin sein bemerkenswertes Wachstum beibehalten, während die globale Energie-Produktion stabil bleibt.” 2020 kam und ging. Bitcoin wird heute zu neuen Höchstpreisen gehandelt und die Hashrate, also die Rechenleistung, die dem Bitcoin Netzwerk zugeführt wird, stieg im Verlauf der Jahre konstant weiter. Der Strom in deutschen Haushalten fließt wie gewohnt. Die globale Energieproduktion stagnierte natürlich nicht, aber der Anstieg blieb zum Beispiel im Jahr 2019 unter dem historischen Trend von 2% pro Jahr. Warum schlagen Prognosen wie die von Newsweek also so spektakulär fehl? Ein Grund liegt in fundamentalen Missverständnissen im Hinblick auf die Technologie, auf der Bitcoin basiert.

Die Hashrate der Bitcoin Blockchain vom ersten Block in 2009 bis heute (Quelle: Blockchain.com).

Eine Frage mit zwei Ebenen

Trotzdem ist es angebracht und wichtig, die Frage danach zu stellen, wie viel Energie eine Finanzinfrastruktur wie das Bitcoin Netzwerk in Zeiten knapper werdender Ressourcen und fortschreitenden Klimawandels verbrauchen darf. Der in der Krypto-Szene populäre Analyst Nic Carter weist allerdings zu Recht darauf hin, dass zwei Aspekte dieser Frage getrennt voneinander betrachtet werden müssen, um eine Antwort zu finden: Zunächst müsse bestimmt werden, warum eine Gesellschaft überhaupt ein Interesse daran haben sollte, ein Netzwerk für Finanztransaktionen zu unterhalten, dass zensur-resistent und vom Staat sowie dem Bankenwesen unabhängig ist. Nur dann ließe sich beantworten, ob überhaupt Ressourcen für den Unterhalt dieses Netzwerks verbraucht werden sollten. Dieser normativen Frage nachgelagert findet sich eine faktische Ebene, die sich mit der Richtigkeit der Vorwürfe auseinandersetzt, die Bitcoin immer wieder entgegengehalten werden: Wie schneidet Bitcoins Energieverbrauch im Vergleich zu existierenden Infrastrukturen wie zum Beispiel dem traditionellen Bankwesen oder der Gold-Industrie ab, wie funktioniert die Rechnung mit dem Energieverbrauch einzelner Transaktionen tatsächlich und welche Rolle spielt der “Energie-Mix” des sogenannten Bitcoin Mining jetzt und in Zukunft? Wir wollen uns heute dem normativen Aspekt dieser Frage nähern, um dann im nächsten Artikel unserer Kolumne einen Faktencheck zu präsentieren.

Wie viel kann uns ein Netzwerk wert sein?

Die in Euro oder US-Dollar gemessene Marktkapitalisierung der Kryptowährung Bitcoin fluktuiert täglich. Sie ist abhängig von Angebot und Nachfrage an den Märkten und von dem Glauben der Marktteilnehmer an unterschiedliche Versionen einer Geschichte, die sie sich gegenseitig erzählen. Skeptiker sprechen vom “magischen Internet-Geld” und zitieren die “Greater Fool Theory”, also die Idee, dass es immer den nächsten Dummen brauche, der einen höheren Preis bezahlt.

Tatsächlich spielen aber noch mehr Faktoren bei der Preisbildung von Bitcoin eine Rolle und der Energieverbrauch des Netzwerks kann dabei nicht außer acht gelassen werden. Der Bloomberg Kolumnist Noah Smith stellte kürzlich fest, dass der Energieverbrauch des Bitcoin Netzwerks mit dem Bitcoin Preis steige und machte dies als einen Nachteil gegenüber anderen Assets der Finanzwelt aus. Der erste Teil dieser Beobachtung ist absolut richtig: Miner werden für ihre Arbeit in Bitcoin bezahlt und so besteht ein Anreiz, mehr Ressourcen zu investieren, wenn der Preis von Bitcoin steigt. Entscheidend ist hierbei jedoch, worin die Arbeit der Miner besteht: Sie konkurrieren um das Recht, den nächsten Block mit Transaktionen in der Bitcoin Blockchain zu validieren und weil die Belohnung für die akkurate Erfüllung dieser Aufgabe so hoch ist, beteiligen sich viele diverse Akteure aus allen Erdteilen. Zweck dieser Architektur ist es, die Integrität der Daten auf der Blockchain vor Manipulation zu schützen: Nur einem Akteur, dem es gelänge, 50% der gesamten Rechenleistung im Netzwerk zu monopolisieren, könnte solch eine Manipulation gelingen. Dies ist in über einem Jahrzehnt seit der ersten Bitcoin Transaktion niemals geschehen und ein entscheidender Grund dafür ist die Tatsache, dass die Kosten für solch einen Angriff mit der Marktkapitalisierung Bitcoins steigen. Der zu gewinnende Preis für unehrliche Akteure steigt und mit ihm wird die Sicherheit des Netzwerks stärker und stärker. Heute ist das Bitcoin Netzwerk das sicherste dezentrale Computernetzwerk auf dem Planeten. Da es im Gegensatz zu zentralisierten Netzwerken keinen einzelnen Angriffspunkt oder “Point of Failure” aufweist, ließe sich puristisch sogar dafür argumentieren, dass es das sicherste Computernetzwerk an sich ist.

Dieses Netzwerk bildete sich um eine sehr spezifische und attraktive Anwendung: Finanztransaktionen, die ohne Mittelsmänner funktionieren und weder von Banken noch von staatlichen Institutionen zensiert werden können. Im Kryptojargon ist hier die Rede von “Trustlessness”: Wenn zwei Parteien miteinander interagieren und handeln möchten, müssen sie keiner dritten Partei vertrauen. Die Transaktionen basieren zudem auf einer neuartigen digitalen Währung (manche wären heute vielleicht eher dazu geneigt, von digitalem Gold zu sprechen), die im Gegensatz zu gängiger Notenbank-Politik deflationär angelegt ist. Niemand ist also dazu berechtigt, einfach mehr von ihr zu drucken. Dabei lassen sich große mengen Kapitals zu weitaus geringeren Gebühren bewegen, als es das traditionelle Finanzsystem erlauben würde:

Am 26. Oktober 2020 wurden mehr als 88.857 BTC, also zu dem Zeitpunkt ca. 1,15 Milliarden US-Dollar, in einer einzelnen Transaktion bewegt. Die kosten für die Transaktion beliefen sich auf $3,58. (Quelle: blockchain.com)

Das Netzwerk ist behäbig und für kleinere Transaktionen relativ teuer. Entgegen der Annahme von Kritikern wie Eric Holthaus wird Bitcoin höchstwahrscheinlich niemals derart skalieren und schneller werden, dass eine Konkurrenz zu dem Transaktionsvolumen von Kreditkartennetzwerken wie Visa oder Mastercard überhaupt ansatzweise Möglich wäre. Die Schwerfälligkeit des Netzwerks ist ein Feature. Es eignet sich in dieser Hinsicht besser für das finale “Settlement” von Zahlungen als für die “Clearance” vieler kleiner Transaktionen. Die Finalität einer bestätigten Bitcoin Zahlung ist jedoch beispiellos zuverlässig. Für die Abhandlung einer großen Menge an Zahlungen in kurzer Zeit gibt es bereits Anwendungen, auf die wir im nächsten Teil weiter eingehen werden.

Zum Abschluss also nochmal zusammenfassend die Frage: Wie viel kann solch ein Netzwerk einer Gesellschaft wert sein?

  • Es ist extrem sicher vor Angriffen und Manipulation.
  • Kein Akteur, ob staatlich oder privatwirtschaftlich, hat die alleinige Kontrolle darüber. Bitcoin ist zensur-resistent und es ist im besten Interesse aller Stakeholder des Netzwerks, dass dies so bleibt.
  • Große Mengen Kapitals können zu geringen Kosten binnen Minuten rund um die Welt bewegt werden und niemand kann solch eine Transaktion rückgängig machen.
  • Das Zahlungsmittel des Netzwerks ist knapp und muss — vergleichbar mit Rohstoffen wie Gold — “geschürft” werden. Deshalb gewann es besonders im Zuge der Politik der Notenbanken in der Corona-Krise an Bedeutung als potentieller Schutz vor drohender Inflation internationaler Leitwährungen.

Der Markt hat seine Antwort bereits gegeben, sowohl in Bezug auf die Marktkapitalisierung von Bitcoin als auch auf die Menge an Ressourcen, die der Sicherung des Netzwerks zugeführt werden. In der Gesellschaft wird nun auf normativer Ebene verhandelt, ob der Markt hier verantwortbare Resultate erzielt. Die oben genannten Punkte geben einen groben Überblick darüber, welchen Gegenwert wir für unsere Investition an Ressourcen in das Bitcoin Netzwerk erhalten. Sicher ist, dass wir es mit mehr als nur “magischem Internet-Geld” zu tun haben. Es scheint also angebracht, sich mit den Fakten rund um den Energieverbrauch des Bitcoin Netzwerks auseinanderzusetzen. In der nächsten Ausgabe unserer Kolumne diskutieren wir deshalb, wie es sich mit Verbrauch, Energiemix und Skalierung tatsächlich verhält.

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